Alberto Casco: «Für uns gibt es nur die Devise "Qualität vor Quantität"».


Das Olympiajahr 2020 ist lanciert. Die Olympischen Sommerspiele in Tokio sind auch für Swiss Sailing resp. den Fachbereich Elite Sports unbestrittener Höhepunkt. Bis dato hat sich indes nur gerade der Windsurfer Mateo Sanz Lanz qualifiziert. Maud Jayet sowie dem Duo Schneiter/Cujean fehlt noch die persönliche Qualifikation. Ebenfalls noch nicht gesichert ist die Nationenquote im Finn, im Laser Standard sowie im 470er. ZV-Mitglied Albert Casco nimmt Stellung zu den Herausforderungen, die im Olympiajahr 2020 auf den Fachbereich Elite Sports warten.

Als Präsident von Swiss Optimist hatte Alberto Casco bei seinem Antritt den WM Titel im Visier und ihn gleich im Doppelpack in die Schweiz geholt. Jetzt hat er als Vorstandsmitglied von Swiss Sailing den Bereich Leistungssport unter sich. Seitdem wurden auch in den Juniorenklassen Nacra15 und Laser 4.7 WM-Titel eingefahren. Nun hofft die Schweizer Segelcommunity auf den Gewinn einer olympischen Medaille. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg…

Alberto Casco, vor gut zwei Jahren sind Sie in den Swiss Sailing Verbandsvorstand gewählt worden. Sie haben versprochen, mit einem neuen Nachwuchskonzept für mehr Professionalität zu sorgen.

Alberto Casco: Das Nachwuchskonzept 2018 – 2024, das unser Chef Youth, Marco Versari, erarbeitet hat, wurde von Swiss Olympics genehmigt, ist inzwischen implementiert und beginnt zu greifen. Hier wurde gute Arbeit geleistet und eine neue Basis für die Zukunft gelegt.

Mit dem neu lancierten Swiss Sailing Team Ambassador Club sollten mehr finanzielle Mittel generiert werden. Wie läuft das Projekt?

Leider sind wir noch weit weg von den erhofften Möglichkeiten. Es ist nicht einfach, Mittel für den Leistungssport aufzutreiben. So konnten für die laufende Kampagne 2020 zu den bestehenden Partnern - namentlich die Bertarelli Stiftung, einer unserer treusten Partner - keine zusätzlichen Sponsoren oder Mäzenen gefunden werden. Das ist sehr ernüchternd. Hier brauchen wir in Zukunft professionelle Hilfe. Der Aufwand für das Suchen und Finden von zusätzlichen finanziellen Mitteln ist gross, und es hat mir einfach die Zeit dazu gefehlt. Wir müssen im 2020 zudem die Idee des Ambassadors überdenken und neu lancieren.

Als Präsident von Swiss Optimist hatten Sie den WM-Titel 2014 und 2016 in die Schweiz geholt. Seit Sie im Verbandsvorstand sind, holte Max Wallenberg 2017 den Nacra15-WM Titel und dieses Jahr wurde Anja von Allmen auf dem Laser 4.7 Weltmeisterin, der Erfolg ist Ihnen treu geblieben?

Diese beiden Titel folgen noch aus der Generation-Optimist von begabten Seglern, wo man die vielen Details aneinandergereiht hat, um erfolgreich zu sein. Beide Athleten sind drangeblieben, sprich haben konsequent weitergearbeitet. Sie konnten zudem auch teilweise ihre Trainer behalten und in den von ihnen gewählten Folgeklassen reüssieren. Um weiter erfolgreich zu sein, müssen wir indes versuchen, in den Juniorenklassen näher bei den Athleten zu sein.

Was heisst das konkret?

Es gibt in der Schweiz etwa 120 Optimisten-Segelnde, die regelmässig an nationalen Regatten teilnehmen. Jedes Jahr wechseln etwa 30 davon auf die Juniorenklassen Laser, 420er, 29er und Nacra15. Das sind vier Bootsklassen. Dazu kommen noch die Surfer und Kiter; die dürfen wir nicht vergessen. Quereinsteiger gibt es sehr wenige. Im internationalen Segelsport stehen drastische Veränderungen an: klassisches Segeln ist auf dem Rückzug, Brettsegeln ist jetzt olympisch definiert. Also bleiben etwa fünf Athleten pro Klasse. Es gibt vom Verband her keine Berechtigung zu bestimmen, welche Klasse Priorität hat, das werden die Athleten selber entscheiden. Grosse Segelnationen wie Frankreich, England oder die USA haben ein ganz anderes Potential. Mit diesen Ländern dürfen wir uns nicht vergleichen. Schauen wir doch, was andere kleine Segelnationen wie Österreich oder Polen gemacht haben, um zu olympischen Medaillen zu kommen, welche Trainer sie geholt haben und wie die Athleten dort geschult werden. Für uns gibt es nur die Devise «Qualität vor Quantität». Wir müssen projektorientiert arbeiten und die Jugendlichen schon in jungen Jahren an die Kampagnen heranführen. Sie müssen auch Gelegenheit bekommen, in den Juniorenklassen altersgerecht Erfolge einzufahren, bevor sie an die Elite herangeführt werden. In der Vergangenheit wurden die Klassenwechsel zu früh provoziert.

Das tönt nach viel Arbeit. Wie wollen Sie das schaffen?

Ich kann im Verband lediglich strategisch arbeiten. Sie dürfen nicht vergessen: Swiss Sailing ist ein grosser und komplexer Verband, und es wartet in der Tat eine Menge Arbeit auf uns. Das Junioren-Klassenreglement 2003 ist total veraltet und wurde deshalb vom ZV ausser Kraft gesetzt; das SM Reglement muss ebenfalls überarbeitet werden. Wir müssen neue Strategien entwickeln und auch im Leistungssport eine schweizerische Identität an der Basis herstellen, damit sich der Einzelne mit den Erfolgen identifizieren und stolz darauf sein kann. Darüber hinaus müssen wir unsere Eigenheiten zu den Stärken machen und Fakten schaffen: Darunter verstehe ich zum einen das Erzielen von Top-Resultaten, zum anderen aber auch, dass Konzepte gelebt werden.

2020 stehen die Olympischen Sommerspiele auf dem Programm. Wie sind die Aussichten auf eine Olympiamedaille für unsere SeglerInnen? Bislang ist erst Mateo Sanz Lanz qualifiziert…

Natürlich hätten wir uns im Vorfeld mehr erwartet. Wir sind nah dran, aber es genügt nicht. Die Konkurrenz schläft nicht. Es ist nicht einfach, in diesem Umfeld zu bestehen, wo schon kleinste Fehler sich brutal rächen. Aber es nützt nichts, die Faust im Sack zu machen. Fakt ist, wir haben noch Chancen. Bis Ende April wissen wir, wer Mateo Sanz Lanz nach Tokio begleitet. Die nächsten sechs Monate sind Schicksalsmonate für das Swiss Sailing Team. Für 2024/2028 müssen wir die Strukturen zwingend überdenken und eine Strategieänderung vollziehen. Wir sichern aber der aktuellen Organisation unser Vertrauen und unsere vollste Unterstützung zu, dasselbe gilt für die laufenden Projekte. Parallel dazu schauen wir, was man für die Zukunft korrigieren kann oder sogar muss.

Mit dem «Star Sailors League Gold Cup» wird die Schweizer Segelszene ab nächstem Jahr ein ganz neues internationales Fenster bekommen. Die besten Segler der Welt werden hier nach dem Modell der Fussball-WM einen Nationenwettbewerb ausrichten. Wie stehen Sie dazu?

Der «Star Sailors League Gold Cup» ist ein absolutes Highlight! Das ist ein Konzept von visionären Leuten. Genau solche brauchen wir, um den Segelsport weiterzubringen! Bis dato sind 32 Nationen eingeschrieben. Die ganze Weltelite kommt schon jetzt zum Training in die Schweiz, das ist doch beste Werbung für die Segelschweiz. Mir imponiert auch, dass im Segeln jüngst ein Ranking der weltbesten Regatteure geschaffen wurde, analog der ATP Weltrangliste im Tennis. Im Segelsport fehlen bislang Vorbilder, Idole, das ändert sich nun vielleicht. Solche Vorbilder sind Identifikationsspender für unseren Nachwuchs, ähnlich wie das im Fussball ein Messi oder ein Ronaldo ist.

Der Gold Cup wird Ihnen sicher nicht viel zusätzliche Arbeit bringen. Das ist ja auch gut so, es steht ja sonst so viel an, dass Sie wohl bald ans Limit gelangen. Ist Ihnen die Lust nicht schon fast vergangen?

Nein, es macht mir nach wie vor Freude, im Verband zu arbeiten und wir harmonieren gut. Nur ist unsere Arbeit nicht sofort visuell sichtbar. Aber es ist ruhig geworden im Umfeld: «No news are good news», sagt man. Wir sind auf Leute angewiesen, die sich engagieren. Wir haben einen guten Mix zwischen ehrenamtlicher und professioneller Führung; aber es bleibt stets die Frage respektive die Herausforderung, was man von diesen Leuten verlangen kann oder darf….


Interview) Walter Rudin

Fotos: zVg