Ladies only : Segeln für Frauen ist gefragt


Anfangs Juni wurde in Hamburg mit dem «Helga Cup» eine Segelregatta nur für Frauen durchgeführt. Teilgenommen haben 78 Teams mit über 300 Teilnehmerinnen. Vergangene Woche fand im Rahmen der Kieler Woche die Premiere der Women's Sailing Champions League statt, mit zehn Frauenteams, darunter mit dem ZSC ein Team aus der Schweiz. Im Herbst 2018 wird der Lago Maggiore Schauplatz des erstmals durchgeführten Swiss Sailing League Women’s Cup sein. Landauf, landab gibt es Regattaformate nur für Frauen, Segelkurse von Frauen für Frauen, Feierabendsegeln für Frauen, Skipperinnentrainings oder Frauen-Segeltörns.

Auf die Zielgruppe «Frauen» ausgerichtete Kurse gehören heutzutage bei vielen Segelschulen oder Veranstaltern von Segelreisen zum Standart-Programm. Auch die zertifizierte Segelschule Joran- Biel GmbH bietet regelmässig «Segeln von Frauen für Frauen» an. Warum aber Segeln nur für Frauen? Besteht wirklich eine Nachfrage? Und segeln Frauen anders als Männer?

Segeln als Männerdomäne? Ein alter Zopf!

Keine Bange, das soll jetzt keine Gender-Debatte werden. Auch wenn es sich auch auf unseren Schweizer Seen beobachten lässt, dass – zumindest bei der älteren Generation – eher der Mann an der Pinne steht als die Frau. Gleichzeitig aber belegen immer mehr Frauen einen Segelkurs, um den D-Schein, also den Segelschein, zu erlangen. Segeln als Männerdomäne, das ist definitiv ein alter Zopf. Gerade bei der jüngeren Generation sieht das Bild mittlerweile denn auch komplett anders aus, und auch im Leistungssport gibt es kaum Unterschiede, abgesehen vielleicht bei den Bootsklassen, bei welchen ein hohes Gewicht resp. grössere Körperkraft entscheidend sind. In den olympischen Klassen segeln Frauen auf Augenhöhe mit den Männern, auch bei Offshore-Regatten wie beispielsweise dem Volvo Ocean Race sind die Frauen absolut gleichberechtigt und tragen als Skipperinnen die Gesamtverantwortung über die millionenteuren Hightech-Segelyachten und Crew. Bei der Austragung 2014/15 war überdies erstmals seit 2001 mit Team SCA ein ausschliesslich mit Frauen besetztes Boot am Start des Volvo Ocean Race und konnte sogar einen Etappensieg (Leg 8, Lissabon-Lorient) verbuchen. Bei der Sailing Champions League mischen reine Frauenteams ebenfalls ganz vorne mit. Und gerade bei den Nachwuchsklassen, also bei den Optis, Laser Radial und 420ern, sind Mädchen und Knaben gleichmässig vertreten und einander absolut ebenbürtig.

 

Segeln Frauen anders als Männer?

Das mag sein. Weil Frauen nun mal anders sind als Männer – nur schon bezogen auf Kraft und Körpergewicht - und häufig anders ticken. Oftmals segeln Frauen etwas vorsichtiger, sicherheitsbedachter. Und gefühlvoller. Jedenfalls nach Beobachtungen von Irene Stettler, Geschäftsführerin bei der Segelschule Joran-Biel GmbH: «Frauen gehen beim Segeln oft anders an die Sache ran als Männer. Sie sind vorsichtiger und haben definitiv eine andere Selbsteinschätzung. Frauen verfügen zudem oftmals über ein feineres Gespür beim Steuern, vor allem bei leichten Winden, und erspüren die Schiffsbewegung besser.» Frauen würden überdies der Sache häufig genauer auf den Grund gehen wollen als Männer, «wahrscheinlich, um mehr Sicherheit zu erlangen.»

Segeln heisst Entscheidungen treffen

Frauen segeln oftmals überlegter. Und wägen beim Segeln mehr ab. Das wirkt sich auch auf das Treffen von Entscheidungen aus. Ich gebe es ja zu: Entscheidungen treffen – das fällt uns Frauen meist nicht so einfach. Wir kennen das ja aus dem Schuhgeschäft: Nehme ich das hübsche Paar, oder doch das Praktische? Das Schnäppchen oder doch das etwas Teurere? Oder schau ich lieber noch weiter? Während wir Frauen erst abwägen, nachdenken, Alternativen in Betracht ziehen und dann irgendwann entscheiden … haben die Männer ihre Entscheidung meist schon längst getroffen. «Deshalb gehe ich lieber alleine segeln», bestätigt auch Monika Tsai. Mit Männern gehe ihr alles vielfach zu schnell. «Bis ich mich entschlossen habe, das Segel zu reffen, haben mir die Männer an Bord die Entscheidung schon längst abgenommen.» Die 66jährige Biochemikerin aus Basel hat vor rund zwölf Jahren den D-Schein erworben. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie danach zahlreiche Hochsee-Törns mitgemacht, auf verschiedenen Segelyachten mit verschiedenen Skippern und Crews. Sie besitzt mittlerweile den Hochseeschein, geht seit ihrer Pensionierung aber meist alleine segeln, ein-bis zweimal pro Woche und meistens auf dem Bielersee, auf einem Boot der Segelschule Joran-Biel GmbH. Die gebürtige Churerin mag zwar die Geschwindigkeit beim Segeln, und hat auch schon an Regattatrainings teilgenommen, gesteht aber, dass es ihr dabei oftmals zu hektisch zu und hergeht. «Klar, man kann immer einen Zehntel Knoten schneller segeln, und das Schot zwei Zentimeter dichter holen. Aber manchmal möchte ich es beim Segeln einfach nur geniessen.»

Segeln für Frauen auch bei der Segelschule Joran-Biel GmbH

Irene Stettler bestätigt, dass es beim Regattatraining weniger Frauen hat als Männer. «Das mag daran liegen, dass Frauen weniger wettkampforientiert sind», meint sie. Jedenfalls hat sie auch aufgrund solcher Feedbacks vor etwa zwei Jahren den Kurs «Frauen segeln mit Frauen» ins Programm der Segelschule Joran-Biel GmbH aufgenommen. Und verzeichnet reges Interesse an diesem Kurs, der ein- bis zweimal pro Monat stattfindet. «Die Frauen schätzen es, dass ihnen beim Segeln niemand dreinredet und sie ihre eigenen Entscheidungen treffen können – in ihrem eigenen Rhythmus.» Beim Frauensegeln können zudem allfällige Hemmschwellen abgebaut und gemeinsame Erlebnisse frei von jeglichem Druck und Erwartungshaltung ermöglicht werden. Die Feedbacks sind laut Irene Stettler durchwegs positiv. «Die Frauen schätzen es wohl auch, dass mit einer reinen Frauencrew nicht zuletzt an Bord eine andere Gesprächskultur herrscht», vermutet Irene Stettler.

Autor: Diana Fäh

Fotos: Sven Jürgensen, zVg


 

Der Helga Cup vor Hamburg

Vom 1. bis zum 3. Juni 2018 hat auf der Hamburger Aussenalster erstmals der „Helga Cup“ stattgefunden – eine Segelregatta nur für Frauen. Mit 78 Teams und über 300 Teilnehmerinnen aus Deutschland, Europa und den USA war es die grösste Frauensegelregatta der Welt. Das Feld der Teilnehmerinnen reichte von Regatta-Neulingen bis zu jungen Leistungsseglerinnen. Beim „Helga-Cup“ wurde in zwei verschiedenen Bootsklassen gestartet: Die eine ist das Kielboot J70, das auch bei der Swiss Sailing League genutzt wird, die andere der Freizeit-Racer Seascape 24.

Der Helga Cup bietet Frauen eine ideale Möglichkeit, sich mit anderen Seglerinnen auszutauschen, Wissen weiterzugeben und neues zu erlangen. Zudem ist die Regatta für viele ehemalige Leistungsseglerinnen eine Option, wieder in den Segelsport zurückzukommen. Die Idee kommt auch ausserhalb Deutschlands gut an.

Weitere Informationen zum Helga Cup

Der Swiss Sailing League Women’s Cup vor Tenero

Vom 26. bis 28. Oktober 2018 findet der erste Swiss Sailing League Women’s Cup auf dem Lago Maggiore statt. Frauenteams mit 4-5 Seglerinnen sind eingeladen. Gesegelt wird auf den zur Verfügung gestellten J70 Sportbooten der Schweizer Segel Nationalliga.

Anmeldungen sind noch möglich. Es können 18 Teams berücksichtigt werden. Bei sehr grossem Interesse kann die Bootsflotte aufgestockt werden um 24 Teams die Teilnahme zu ermöglichen.

Weitere Informationen und Anmeldung


Weiterführende Lektüre:

„Frauen wollen ans Steuer“ - Die deutsche Frauen-Segelszene im Überblick